Der Pferdeflüsterer…der Penner….

Ich kann die Reaktion der Sieben Zwerge mittlerweile ganz gut nachvollziehen. Sie waren sicher mächtig angepisst, als sie nach einem harten Arbeitstag in ihr muckeliges Heim zurückkehrten und schnell realisierten, dass man es sich auf ihre Kosten gemütlich gemacht hatte: Bettchen durchwühlt, Kühlschrank leer gefuttert, Badezusatz aufgebraucht (die leere Flasche natürlich nicht entsorgt), Kippen weggeraucht…also so oder so ähnlich hat es sich ja sicher zugetragen.

Ähnlich erging es mir mit dem Pferdeflüsterer.

Flo war eine Tinder-Eroberung. Er hatte ein ansprechendes schwarz-weißes Profilbild welches auch ebenso gut für eine HUGO-BOSS-Printkampagne hätte herhalten können. Es war clean. Vielleicht weil er ein schlichtes graues T-Shirt in Sweat-Optik trug und es ihn trotz leicht ergrautem Haar und 3-Tage-Bart leicht jugendlich wirken ließ. Eher zarte 1,75m groß mit weicheren Gesichtszügen. Ein bisschen sah er aus, als wollte er gerettet werden, oder vom Koks abgehalten werden…so eine Mischung aus beidem, so wie einem auch meist Models erscheinen: unschuldig und diabolisch zugleich. Ein zweites Bild zeigte ihn wie er sich liebevoll an ein Pferd schmiegte. Ich halte ja nix davon, wenn Männer auf solchen Seiten mit Hunden-und Katzenbabys posieren nur weil sie denken, dass Frauen reihenweise verzückt aufschreien. Allerdings scheint es irgendwo da draussen prächtig anzukommen, denn wenn es keine Abnehmerinnen gäbe, wären sie wohl nicht so weitläufig verbreitet. Wahrscheinlich ein Tipp, den sich Männer auf der Suche (nach was auch immer) wohl gegenseitig zuspielen (in der Sauna, auf dem Golfplatz…in der Halbzeit eines Champions League-Spiels). Aber Pferde bedeuten für mich immer noch die erste Liebe. Bis Gefühle erstmals für Männer aufblühten, fühlte ich mich zu ihnen hingezogen und das Pferdeposter aus der Wendy hing vor dem Bryan Adams-Starschnitt aus der BRAVO.

Ich gab ihm also ein Like. Wer noch nicht ge-tindert hat…hier die übersichtlichen Regeln, die wirklich jeder versteht:

  • Man muss einen Facebook-Account (weil das wohl vor Fake-Profilen schützen soll) mit mindestens 50 Freunden haben.
  • Es werden sichtbare Profile der Jungs angezeigt…man kann das Ganze natürlich etwas eingrenzen…Alter, Entfernung…das Übliche.
  • Durch das sogenannte Wischen knallst du einfach direkt Alles weg was dir nicht zusagt…ja, es mag sehr oberflächlich erscheinen, aber es spart auch einfach viel Zeit.
  • Wenn dir ein Typ gefällt, kannst du ihm durch ein grünes Herz quasi ein YES geben…wenn nicht, ein rotes Kreuz oder man wischt ihn eben mal beiseite für den Nächsten.
  • Ist man ihm auch positiv aufgefallen und hat er ebenfalls ein grünes Herz vergeben…so ploppt ein Match auf. Erst dadurch kann man miteinander in Kontakt treten und sich anschreiben. Hier liegt für mich der ganz klare Vorteil von Tinder: nicht jeder (Idiot) kann Kontakt mit einem aufnehmen…nur die, die man eben selbst auserwählt hat. Keine hartnäckigen Verehrer Ende 50, die nach einer Scheidung mal was Jüngeres kosten wollen, obwohl man in seinem Profil immer wieder auf eine Altersgrenze hinweist.
  • außerdem ist Tinder kostenfrei…wenn man schon in ein bis zwei kostenpflichtigen Dating-Plattformen festhängt, will man nicht noch ein Abo abschließen. Lässig leicht kommt man schnell rein und auch wieder raus. Ich finde Tinder einfach und unkompliziert. Es hat den Ruf einer reinen App für Sex-Suchende…klar gibt es die auch…man darf natürlich nie blauäugig durchs Netz gehen…allerdings gibt es auch auf den hiesigen ,seriöseren‘ Seiten Strolche, die nur die schnelle Nummer suchen. Wer Geld ausgibt ist nicht automatisch ehrlicher. Ich wage die kühne Behauptung, dass es sehr viele Männer gibt, die gerade über Parship und Co. One-Night-Stands suchen, aber  vorgeben an einer langfristigen Beziehung interessiert zu sein. Frauen stellen es bei dieser Art des Kennenlernens wohl weniger in Frage ob ein Mann ernste Absichten hat.

Flo likte zurück…ein Match war geboren. Er schrieb ansprechend und ausführlich. Innerhalb dieser Woche schrieben wir regelmäßig und ich genoss sein Interesse an mir, da sonst echt Flaute herrschte auf der Dating-Ebene. Flo schlug montags ein Treffen für den Freitag vor, um sich schnellstmöglich kennenzulernen. Noch vor einiger Zeit hatte ich nichts dagegen sich in Ruhe via Schreiben wochenlang vor der ersten Begegnung auszutauschen, doch mittlerweile war ich der Auffassung dass ich schon zu viel Zeit und Hoffnungen für die falschen Typen versemmelt hatte. Gerne ein Treffen, gerne zeitnah….damit sich keine Illusionen einschleichen.

Freitag Abend wollten wir uns auf ein Bier treffen.

Mittwoch Vormittag bekam ich eine beunruhigende Nachricht auf’s Handy. Flo wollte mir noch etwas Wichtiges von sich erzählen bevor wir uns kennenlernen würden.

Ich musste mich setzen. Wenn ein Mann derart einleitende Worte verwendete musste ich rechnen womit ich derzeit immer rechnete…mit dem Schlimmsten. Einer Frau, der mal nach zwei Wochen Beziehung mitgeteilt wurde, dass der Mann die Vorgängerin kurz vor seinem Abgang noch geschwängert hat, schockiert so leicht nichts mehr (anderes Thema).

Er gestand mir, dass sein Leben nicht gerade einfach läuft, er kurz gesagt keine Kohle habe und daher beim verwitweten Vater wohnen würde. Trotzdem würde er sich freuen mich zu treffen und die letzte Kohle des Monats für ein gemeinsames Bier ausgeben zu dürfen.

Klar machte ich nicht gerade einen Luftsprung während des Durchlesens. Als Alleinerziehende musste ich selbst schauen dass ich klar komme und zugegeben heißt Leben-teilen für mich auch irgendwo langfristig Kosten-teilen. Einen Mann durchzufüttern…das ging einfach nicht bei mir. Geld macht sicher nicht glücklich, aber es sorgt dafür dass man ständig nicht daran denken muss keines zu haben…und Geld bietet Spaß. Trotzdem wollte ich ihn nicht darauf reduzieren und sagte dem Treffen trotzdem zu.

Es war bereits Ende September aber trotzdem noch sommerlich warm. Echt seltsam erschien es einem, dass es bereits um 19.00 Uhr dunkel war und dennoch saß man draußen in leichten Klamotten.

Ich parkte mein Fahrrad direkt vor der Bar. Eine beliebter Treffpunkt für Studenten…alles ist irgendwie aus Euro-Paletten zusammengezimmert. An zwei kleinen Tischen vor dem Eingang war es aufgrund der milden Temperaturen sogar möglich noch draußen zu sitzen…mehr Aussenbereich war durch die Nähe zur Straße nicht möglich.

Wie ein Spion analysierte ich blitzschnell die Situation an der Location…..suchte schon ein Mann den Blickkontakt mit mir? Lief schon einer davon? Sind Bekannte vor Ort?…hier war alles sehr überschaubar…ein Tisch war besetzt durch ein Pärchen und sonst gab es keine weiteren wartenden Menschen vor der Bar.

Plötzlich trat jemand aus dem Dunkel heraus in das orange-bernstein-farbene Licht der spärlichen Straßenlaternen. Ich konnte noch kein Gesicht erkennen, aber ich schloss bereits aus, dass dieser Mann sich mit mir treffen würde. Er hatte einen etwas femininen Gang und ich war sicher, dass er sich sicher mit einem weiteren Mann verabredet hatte. Ohne mit Vorurteilen behaftet zu sein, stand für mich fest, dass dieser Mann an keiner Frau interessiert sein konnte.

,,Hallo Karla, ich habe dich schon von weitem erkannt“, sagte der Fremde zu mir.

Auch seine Stimme hatte diese etwas schwule Klangfarbe. Bei Schwulen stört mich das kein bisschen…im Gegenteil. Ich dachte die Art der Stimmlage wäre so eine Art Erkennungsmerkmal. Bei einem bekennenden Heterosexuellen verwirrte es mich dagegen sehr. Er spitzte auch seine Lippen immerzu….das hatte auch einen seltsamen Touch. Doch die Gespräche waren gut und er schien tatsächlich an einer Frau interessiert zu sein. Hauptsächlich erzählte er von seinem Pflegepferd…was mich da noch nicht so störte. Später begleitete er mich noch zu meinem Haus…wir gingen zu Fuß und schoben die Räder neben uns her. Schon da sagte er mir dass er mich ,,gaaaaaanz toll“ fände und mich unbedingt wiedersehen wolle.

Also sagte ich zu als er vorschlug, mich mit zu der Anlage mit den Pferden zu nehmen . Ich weiß nicht mehr was ich an ihm fand…manchmal hat man auch als Frau einfach einen Mangel an Alternativen. Ich hatte keine weiteren aktiven Kontakte und konnte die Sache gelassen angehen. Warum nicht mal schauen was der ehemalige gestresste Manager-Typ, dann ge-burn-outed und jetzt naturbuschig unterwegs, so anzubieten hat…außer Geld natürlich…das wusste ich ja schon.

Ich habe noch nie ein Pferd an der Leine an einem früh-herbstlichen Sonntag Nachmittag durch den Wald geführt. Nahe an einer spirituellen Erfahrung war das…um im Nachhinein der Sache was Positives abgewinnen zu können. Später gingen wir noch eine Kleinigkeit essen (ich bezahlte natürlich…schliesslich war immer noch Monatsende).

Wir trafen uns in den folgenden Tagen des öfteren bei mir, wann immer ich eben kinderlos war und wenn man zuhause rumsitzt kommt man sich nun mal fast zwangsläufig näher. Eine Sache störte mich von Anfang an aber am meisten: er redete gern über sein Pferd…aber mindestens ebenso häufig über seine langjährige (Ex-)Freundin…da ich sie vom Sehen her kannte weil sie früher zwei Klassen über mir war und ihr damals schon die Jungs verfallen waren, war ich umso schneller genervt von ihr…klar kann man mal über vergangene Zeiten quatschen…aber ständig das Andenken an die Ex in Ehren halten und von ihr quasi schon zu schwärmen ist nun mal Gift für was Neues. Ihr Name fiel sogar im Bett…nein, keine Verwechslung oder ein falscher Namen, der während ekstatischem Beischlaf geschrien wird…da würde ich wirklich jeden erst einmal unter die kalte Dusche schicken…aber liebevolle Erzählungen und Erinnerungen während man aneinander gekuschelt unter der Decke liegt sind nicht weniger überflüssig. Zudem war eine Sache seltsam im Schlafzimmer…ich muss leider zugeben, dass er wohl wenig Freude am Sex mit mir Spaß hatte. Manchmal ist es echt schwer einzuschätzen ob ein Mann zum Höhepunkt gekommen ist. Das ist also nicht nur eine Frage, die sich Männer häufiger stellen. Schon allein durch das Benutzen von Kondomen bleiben offensichtliche Beweise aus. Mich verunsichert so etwas…und es wirft auch zusätzliche Fragen auf. Im Badezimmer-Mülleimer zu wühlen hätte mir vielleicht Klarheit verschafft…Expedition Sperma, Auf der Suche nach dem verlorenen Sperma….Sperma X….aber irgendwo ist dann auch mal gut.

Ich schaltete zwei Gänge zurück, begann die Sache zu hinterfragen…und zu recherchieren…

Ist man sich der uneingeschränkten Zuneigung des Anderen nicht sicher empfiehlt es sich mal den Beziehungsstatus, den er nach außen präsentiert. Mein eigenes Profil lösche ich wenn ich einen Mann regelmäßig date. Das ist eine nette Geste und man bekräftigt es ernst zu meinen. Gleiches erwarte ich auch von dem zugehörigen Mann…vor allem wenn er das mit mir von sich aus als Beziehung betitelt. In diesem Fall hatte ich mein Profil nach dem ersten Date auf stumm geschaltet…ich kann zwar alle Männer sehen, für sie bin ich aber unsichtbar…ich musste nur ein paar Jungs wegwischen (weil Radius ungefähr 3km), da tauchte er auf. Natürlich war ich enttäuscht…und ich folgte dem Impuls ihn direkt zu bitten, sein Profil doch zu löschen, weil er es wohl bisher einfach versäumt hat. Er werde dies schnell nachholen, bekam ich als Antwort…auch am Folgetag war nichts in der Hinsicht passiert.

Also lief es nicht so rund…und dann keimte auch bald der Verdacht in mir auf er suche lediglich ein warmes Plätzchen um nicht ständig damit konfrontiert zu werden dass er bei seinem Vater lebte…und damit verbunden wohl auch auf seine Kosten. Erhärtet wurde dieser als er plötzlich als er anfing über fehlendes Geld für eine noch zu begleichende Rechnung zu klagen…mit großen Hilfe suchenden Augen sah er mich dabei an…bei Liebe (oder was auch immer) in diesem frühen Stadium darf Geld noch keine Thema sein…sie hört bei diesem Thema quasi auf…ich erstickte seine etwaige Vorstellung ich könnte ihn finanziell unterstützen direkt im Keim indem ich erst gar nicht drauf einging und nur verständnisvoll nickte. Er bleib an diesem Abend nicht über Nacht. Also war Vorsicht geboten:…sollte sich eine Vertiefung dieser Beziehung womöglich nicht für ihn lohnen?

Von nun an begann er nörgeliger zu werden…ich kenne mich mit Sternzeichen nicht besonders gut aus (außer die Vorzüge meines eigenen) aber mit demWissen von heute weiß ich dass Fische so gar nicht meins sind…die die ich kennengelernt habe (gut, es waren derer nur zwei…aber kurz hintereinander und mit Besorgnis erregenden Parallelen. Vorrangig eine: an allem gab’s was auszusetzen. Hier waren es meine Kochkünste, die Auswahl des Weines…die Tatsache, dass er zum Rauchen auf den Balkon musste…alles was seine Ex sicher besser machen könnte. Sein Profil war auch noch im Netz…ich schaute zu jeder Tageszeit nach. Wenn ich nachhakte kam nur eine knappe Antwort…im Stile ,das sei doch nicht so wichtig, ob sein Profil noch da sei oder nicht’…

Von da an wurde unsere Kommunikation weniger. Was so viel heißt wie: er meldete sich immer weniger. Erst einmal erfindet man natürlich Ausreden auf beiden Seiten…der Mann gibt vor das Pferd habe die Masern…und die Frau beruhigt sich indem sie ihm glaubt.

Gott sei Dank gab es genug Dinge die mich an ihm störten…sonst hätte ich weniger gut weggesteckt, dass er von jetzt auf nachher nicht mehr zu mir kam und nicht auf meine Nachrichten reagierte. Ans Telefon ging er auch nicht…nach einer Woche beschloss ich ihn wenigstens um ein Lebenszeichen zu bitten, so dass ich ausschliessen konnte es sei ihm was passiert…er müsse sich danach auch nicht mehr bei mir melden. Erst darauf kam eine kurze Antwort. Nein, es sei doch alles ok…auch mit uns…danach verstummte er für immer.

Einmal ist er mir sechs Monate später in der Stadt begegnet…im ersten Moment reagierte ich panisch: ich floh in einen Laden, ehe er mich sehen konnte. Doch dann besann ich mich…nein, ich würde jetzt da raus gehen und diesen kleinen miesen Loser am Kragen packen…es war zu offensichtlich, dass er sich bei mir lediglich nur eine Zeit lang etwas aufwärmen wollte, bis er was Besseres gefunden hatte…doch als ich aus dem Geschäft trat konnte war er schon in der Menge verschwunden. Gerne würde ich ich ihm noch mal begegnen und ihm verbal vor die Füße spucken.

Aber es war eine wichtige Erfahrung. Man sollte Warnsignale nicht einfach überhören…etwas Misstrauen ist schon angebracht. Ein Mann der sich wohl nur aushalten will ist aber auch echt eine krasse Nummer….hätte aber auch nie gedacht dass Männer die mit Pferden schmusen unaufrichtig sein können…da hat mir Hollywood ein völlig falsches Bild vermittelt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s